Im Dialog mit der Landwirtschaft Folge 17

Landwirte informierenLandwirte im wochenblatt-Land wollen informieren
Einer zunehmenden Entfremdung zwischen den Erzeugern und den Konsumenten von Lebensmitteln möchte eine Gruppe heimischer Landwirte aus dem wochenblatt-Land mit fachlich fundierten Informationen entgegenwirken. Die Vollerwerbs-Landwirte wollen sich nicht abfinden mit Berichterstattung, die oft geprägt ist von einem offensichtlichen und eklatanten Mangel an fachlichem Grundwissen.

Im Bild: Auch eine überbordende Bürokratie macht bäuerlichen Familienbetrieben das Leben schwer.

Sie stehen mit ihrer Arbeit immer in der Öffentlichkeit – und prägen durch die Bewirtschaftung der Kulturlandschaft das Lebensumfeld aller Menschen im wochenblatt-Land. Beim zurückliegenden Treffen der Runde konnte man Julian Engelhard (Pettensiedel), Gerd Fensel (Oberschöllenbach), Martin Friedrich (Mitteldorf), Claudio Keiner-Pingold (Lilling), Johannes Rohlederer (Kleingeschaidt), Matthias Tauber (Kemmathen), Bernd Trummer (Pommer) und Gerhard Wölfel (Eschenau) eine Art erschöpfter Nachdenklichkeit anmerken. Die Ernte ist eingefahren, der tägliche Arbeitsaufwand geht etwas zurück. Zeit, sich wieder mit weitreichenderen Überlegungen zu befassen. Wegen der Thematik Kitzschutz im Frühsommer hatte man die Jäger Albert Ruf und Florian Braun eingeladen. Weil ein Leser aus Röckenhof, der hierzu Unterstützung angeboten hatte, verhindert war, will man diese später noch einmal ansprechen, ebenso wie eine Leserin, die den persönlichen Dialog sucht.
„Wir sollten uns bei der Bevölkerung für das Verständnis bedanken, wenn wir in den letzten Wochen und Monaten auch mal spät abends noch unterwegs waren, manchmal mit Staub und Lärm“ meint Martin Friedrich. Das ist inzwischen abgeschlossen, was jetzt noch ansteht, ist die für das Pflanzenwachstum wichtige Gülledüngung auf Grünland.

Gülle als wertvoller Naturdünger
2017 trat die aktuelle Düngeverordnung in Kraft. Viele Regelungen wie die bodennahe Ausbringung konnte man umsetzen, wenn auch mit Investitionen, denen kein Erlös entgegensteht. Andere, wie mehr Lagerkapazität, sind oft wegen entgegenstehender technischer Verordnungen gar nicht umsetzbar. Bereits im April 2020 soll eine neue Düngeverordnung zahlreiche Betriebsplanungen wieder zunichte machen, obwohl viele Auswirkungen der bisherigen Maßnahmen erst nach Jahren oder Jahrzehnten beurteilt werden können.
Hintergrund sind erhöhte Nitratwerte im Grundwasser in einigen Regionen Deutschlands und damit verbundene EU-Sanktionen. Als Verursacher hat man sich ausschließlich und deutschlandweit auf die Landwirtschaft eingeschossen. Viel zu pauschal, wie die Bauern im wochenblatt-Land betonen, denn hier gebe es weder besonders hohe Nitratwerte noch eine Überdüngung. Nitrat in Stadtnähe habe aber überhaupt nichts zu tun mit der Gülle, die Bauern bedarfsgerecht und im Gleichgewicht zwischen Viehbestand und Futteranbauflächen ausbringen. In Norddeutschland etwa gehe es um Gülle aus gewerblichen Großmastbetrieben, im Knoblauchsland um Kunstdünger und in Forchheim wurde kürzlich fachlich haarsträubend, aber medienwirksam nitrathaltiges Wasser präsentiert aus Flachbrunnen in stadtnahen Gärten, in denen seit Jahrzehnten Nährstoffe und unkontrolliert ausgebrachter Kunstdünger versickern dürften.

Wenn Bauern künftig pauschal 20 Prozent unter dem Nährstoffbedarf düngen sollen, wie im Agrarpakt der Bundesregierung vorgesehen, ergebe das einen Kreislauf aus weniger Ertrag und wieder weniger Düngung, mit dem man der heimischen Lebensmittelproduktion letztlich den Boden entzieht. Denn wenn dann beispielsweise der Weizen „der Mühle nicht taugt“ und nicht marktfähig ist, wird eben anderswo beschafft.

Nitrat hat viele Quellen
Natürlich wollen die Bauern Nitrateintrag ins Grundwasser vermeiden, Grenzwerte einhalten und wenn nötig gegensteuern. Dafür werde auch viel getan auf Seiten der Landwirtschaft mit ausgeglichenen Stickstoffkreisläufen, sagen sie. Man müsse aber die ganze Wahrheit betrachten, und dazu gehöre neben Kunstdünger in Privatgärten und öffentlichen Flächen vor allem Nitratstickstoff aus menschlichen Ausscheidungen in der Kanalisation.
Aus zigtausend Kilometern teils uralter und undichter Kanalrohre entweicht bis zu einem Viertel des völlig ungeklärten Abwassers, das zu großen Teilen aus den Toiletten kommt, berichtet die Runde aus Foren von Kollegen. Und das ist nicht alles: Alleine aus bayerischen Abwassersystemen (mit Kläranlagen etc.) fließen 20.000 Tonnen Stickstoff jährlich Richtung Meer – eine Menge, mit der man mehr als 100.000 Hektar Acker düngen könnte. Bewusst und legal, aber völlig unbeachtet in einer Diskussion, die sich nur auf Landwirtschaft einschießt.

Den Ernst der Lage deutlich machen
Der aktuell geplante „Agrarpakt“ trage zu einer Entwicklung bei, „die heimische Landwirtschaft an die Wand zu fahren“ – und mit ihr die Lebensmittelproduktion und die Landschaftspflege. Nicht nur durch Düngevorgaben: Immer mehr Regelungen machen Randstreifen zur Samenbasis für schädliche Disteln, Flächen werden entwertet und nicht einmal mehr als Sicherheit für Kredite anerkannt, manche Schädlinge können aus politischen statt fachlichen Gründen gar nicht mehr eingedämmt werden und der Preisdruck macht immer mehr Erwerbszweige unwirtschaftlich. Ein Teil der Landwirte hat sich deshalb vorgenommen, zu den Kundgebungen fahren, die für Dienstag dieser Woche organisiert wurden. Nicht um anderen zu schaden, sondern um den Ernst der Lage deutlich zu machen: „Den bäuerlichen Betrieben geht die Luft aus – finanziell und psychisch.“
Anregungen und Fragen aus der Leserschaft sind immer willkommen, werden gesammelt und weitergegeben und (falls gewünscht öffentlich) beantwortet. Wer eine Frage an unsere Bauern hat, schreibt bitte mit dem Stichwort „Dialog mit der Landwirtschaft“ eine Mail an:  Diese E-Mail Adresse ist gegen Spam Bots geschützt, Sie müssen Javascript aktivieren, damit Sie es sehen können
Letzte Aktualisierung ( Mittwoch, 23. Oktober 2019 )