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Ausbildung mit Kälbchen und Kirschen Drucken E-Mail

Praktikum am Bauernhof Aus Russland zum Praktikum nach Igensdorf
Wenn Julia Kiseleva in den Kuhstall von Anja und Martin Friedrich in Igensdorf kommt, werden die Tiere unruhig, denn sie kennen die junge Frau inzwischen und wissen, dass es jetzt Futter gibt. Besonders die Kälber drängen sich an ihren Fressplätzen und schauen sie erwartungsvoll an.

Im Bild: Dass so ein Praktikum in der Landwirtschaft viel mehr ist, als nur ein „Job“, beweist die Tatsache, dass Familie Friedrich zu allen ehemaligen Praktikanten noch freundschaftlichen Kontakt hat. Während Praktikantin Julia am Betrieb war, stattete der ehemalige Praktikant Dima, der 2017 aus Stavropol zu den Friedrichs gekommen war, mit seiner Verlobten den Igensdorfern einen Besuch ab. (v.l.): Julia Kieseleva, Anja Friedrich, Dima Romashkin, seine Verlobte Katja und Martin Friedrich.


Ein paar Streicheleinheiten müssen sein, aber dann geht es an die Arbeit. Und das Leben ist hier wirklich kein Ponyhof: Das Futter wird zwar maschinell vorgelegt und mehrmals täglich angeschoben und auch das Melken erfolgt in einer automatischen Melkanlage, aber trotzdem muss man die Abläufe im Auge haben und beim Melken eigensinnigen Tieren auch manchmal etwas nachhelfen.

Dazu kommt noch täglich reinigen und einstreuen der Liegeplätze mit Kalk und Sägespänen und obendrauf noch Saisonarbeiten wie die Kirschenernte. Außerdem muss das „Milchhäusla“ befüllt und gereinigt werden, in dem Kunden die frische Milch rund um die Uhr direkt an der B2 kaufen können. Für High-Heels hat die hübsche Studentin dabei keine Verwendung…

Die angehende Tierärztin packt fleißig mit an
Julia studiert Tiermedizin an der Universität Jekaterinburg in Russland und hofft, später eine Festanstellung auf einem der großen Rinderhaltungsbetriebe in Russland zu bekommen, wo 1.000 Rinder eine ganz normale Betriebsgröße darstellen. Julia kommt eigentlich aus einer kleinen Stadt oberhalb des Polarkreises, für ihr Studium jedoch kam sie nach Jekaterinburg (ehemals Swerdlowsk). Für ihr Hobby „Irish Dance“ und ihren Igel „Wilhelm“ bleibt nur wenig Zeit, denn die Studenten müssen neben dem anspruchsvollen Studium jeden Sommer Praktika auf Großbetrieben in der Umgebung der Universitätsstadt absolvieren.

Der Verein „Apollo e.V.“ vermittelt pro Jahr etwa 60 Studenten aus den Bereichen Ökologie, Landwirtschaft und Landesentwicklung aus elf Universitäten in Russland für viermonatige landwirtschaftliche Praktika an Betriebe in ganz Deutschland. Das Programm ist zum Glück nicht vom Embargo betroffen, da es eher auf diplomatischer Ebene angesiedelt ist. Für die Praktikanten ist es eine große Chance, denn sie sollen wirklich etwas lernen und kommen keinesfalls als billige Aushilfskräfte. Entsprechend begehrt sind die Praktikumsplätze, für die es ein strenges Auswahlverfahren gibt und auf jeden Praktikumsplatz kommen mindestens 6 Bewerber. Deshalb ist Julia Kiseleva besonders stolz, dass sie sich einen der Plätze erkämpfen konnte. Vor fünf Jahren hat sie Deutschland schon einmal besucht, ein bisschen mulmig war ihr dann aber doch, als sie nach nur sechs Monaten Deutschkurs alleine in ein fremdes Land, auf den Hof von Martin und Anja Friedrich, aufbrach.

Miteinander und voneinander lernen
Doch sie fühlt sich sichtlich wohl, was auch daran liegt, dass sie in der Familie sehr herzlich aufgenommen wurde – und an dem täglichen Umgang mit den Kälbern. Sie zu tränken ist – neben Kirschen pflücken – Julias liebste Tätigkeit auf dem Hof. Aber auch beim Ausmisten und Einstreuen der Liegeplätze, beim Füttern der Kühe, bei der Besamung durch den Tierarzt oder der Klauenpflege packt sie voll mit an. Landwirt Friedrich weiß ihre zuverlässige Unterstützung bei den täglichen Routinetätigkeiten und ihre schnelle Auffassungsgabe (im Gegensatz zu manchen Aushilfen…) sehr zu schätzen.

Außerdem ist Julia durch ihre Ausbildung, quasi „frisch von der Uni“, auf dem neuesten Stand der Forschung, und für hilfreiche Neuerungen ist er immer dankbar: „Man kann sich was abschauen, jetzt gerade beispielsweise in der Klauenpflege.“ Mit dem Traktor fährt Julia aber lieber nicht, denn „die Straßen hier sind so eng“.
In der Gegend um Jekaterinenburg gibt es fast nur „schwarz-bunte“ Kühe, das braune „Fleckvieh“ oder die Limousin-Fleischrinder in Igensdorf waren für Julia ein ungewohnter Anblick, aber sie gewöhnte sich schnell daran. Auf die Frage, ob ihr irgendetwas hier gar nicht gefällt, fällt ihr zunächst gar nichts ein. Dann gibt es doch etwas: „Die Geschäfte haben sonntags geschlossen, das ist schade. Was soll man machen, wenn man frei hat? In Russland haben sie sieben Tage offen.“ Jekaterinburg ist die viertgrößte Stadt und Zentrum der drittwichtigsten Region Russlands, Industrie- und Universitätsstadt mit über einer Million Einwohner, Flughafen, mehreren Theatern, Philharmonie, ständigem Zirkus, Zoo, Kunstgalerie und einer Vielzahl von Museen. Vier Spiele der WM 2018 fanden im Zentralstadion statt, der Heimstätte des FK Ural Oblast Swerdlowsk, außerdem wurde auf rund 20.000 Quadratmetern ein extra Festivalgelände für das Public-Viewing angelegt.

In Igensdorf ist es da natürlich etwas ruhiger. Die „Irische Nacht“ im Rahmen des Igensdorfer Kultursommers ließ „Irish Dancer“ Julia sich aber natürlich nicht entgehen.

Zusatz-„Kurs“: Fränkisch
„Und der Dialekt. Das ist schwierig.“ Mit der fränkischen Mundart hatten auch schon andere Praktikanten des Igensdorfer Betriebes so ihre Probleme, aber die Verständigung klappt trotzdem sehr gut. Wenn man sich in einem Arbeitsfeld auskennt und sieht was zu tun ist, ist die Sprache nicht so wichtig. Aber auch wenn „Bamberla“ eindeutig netter klingt, sollte Julia in ihrer Seminararbeit lieber „Kälbchen“ schreiben. Während ihres Aufenthaltes in Deutschland müssen die Studenten drei Seminararbeiten schreiben und jeweils eine kurze mündliche Prüfung zu den Themen (auf deutsch!) absolvieren.

Die beiden besten Praktikanten erwartet als Belohnung im Winter zweimonatiger Ausflug, bei dem Deutschland und die europäischen Nachbarländer politisch und kulturell erkundet werden. Für ihre Arbeiten hat sie mit „Kirschenanbau“ und „Kälberfütterung“ Themen aus ihrem Igensdorfer Arbeitsfeld gewählt. Über ihr drittes Thema „Besamung“ konnte sie sich bei einem dreitägigen Extra-Praktikum auf der Besamungsstation in Neustadt an der Aisch umfassend informieren. Natürlich hilft Julia auch dem Tierarzt, wenn er auf den Hof der Familie Friedrich kommt, als angehende Tierärztin hat sie dabei keine Angst vor Injektionen und für die Tiere ist eine bekannte Person beruhigend.

Landwirt Friedrich wird ihre Hilfe auf jeden Fall sehr vermissen, denn in einem Milchviehbetrieb gibt es keine Urlaubs-, Sonn- oder Feiertage, selbst im Krankheitsfall ist eine Vertretung problematisch, weil die Tiere auf fremde Personen oft nicht gut reagieren und jede Entlastung ist willkommen. Aber auch persönlich wird die Familie die sympathische Studentin vermissen. Für ihre Gesamtbewertung würden sie ihr gern eine glatte „Eins“ dazugeben, weil das aber nicht geht, bleibt nur, ihr die Daumen zu drücken.
Letzte Aktualisierung ( Montag, 22. Oktober 2018 )
 
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