„Unternehmen“ Zeltkirchweih

Zwischen Traditionspflege und Betriebswirtschaft
Eine Zeltkirchweih findet man heutzutage beispielsweise in Brand, Eckenhaid, Dachstadt oder Igensdorf, wo die gesamte Veranstaltung durch die Kirchweihburschen (und -Madla) ehrenamtlich organisiert wird.

Wer sich jetzt wundert, wie so ein Verein „e.V.“, also gemeinnützig sein kann, wo doch die Kirchweihburschen „alle ständig nur sturzbetrunken unflätige Lieder grölen“ – der sollte mal am Tag VOR oder NACH der eigentlichen Kirchweihveranstaltung am Festplatz vorbeischauen: Falls das Zelt schon/noch steht, sind die Burschen sicher voll damit beschäftigt, Bodenbretter, Bänke und Tische, Schänke oder Bar aufzubauen und zu dekorieren. Egal bei welchem Wetter – kalter Regen oder sengende Sonne – an der Kirchweih muss alles perfekt stehen. Und der anschließende Abbau ist nicht minder aufwändig.
Und dabei ist der eigentliche Aufbau gar nicht der Beginn der Vorbereitungen... Wer schon eine große Hochzeit organisiert hat, kann nachfühlen, was die Jungs einmal pro Jahr leisten. Schon lange vor dem Fest muss das Programm geplant werden, Bands müssen angefragt, reserviert und das Budget muss geprüft werden. Zelt, Kühlanhänger und Sitzgarnituren sowie die Getränke- und Speisenbelieferung werden gebraucht und oft müssen auch Anzahlungen geleistet werden. Gerade in kleinen Orten müssen Schausteller und Gastronomen oft erst mühevoll überzeugt werden, weil die Gewinnerwartungen zu niedrig sind.
Im näheren Vorfeld der Kirchweih muss ein Baum gefunden werden (einfach „klauen“ ist heutzutage natürlich kein Kavaliersdelikt mehr), ein Dienstplan wird erstellt und mit Helfern (oft aus der gesamten Bevölkerung) „gefüllt“ und die rechtlichen und technischen Voraussetzungen werden geschaffen (Genehmigungen, Starkstromanschluss, Wasser/Abwasser). Außerdem müssen pünktlich zum Auf- und Abbau großer Festzelte geeignete Maschinen mit Fahrer zur Verfügung stehen. Wenn das Wetter nicht mitspielt, braucht das Zelt eine Heizung und alles muss am Ende bezahlt werden. Die Kirchweih muss gut laufen, damit die Zeltmiete und die teilweise sehr hohen Gagen der Musiker über Eintritt und Getränkeverkauf wieder „reingeholt“ werden. Genau wie in einem Unternehmen wird alles durchgerechnet und genau geplant und es darf nichts schiefgehen, vor allem das Wetter ist ein Risikofaktor, den es zu minimieren gilt.
An der eigentlichen Kirchweih muss an der Kasse, in der Bar, Schänke oder als Bedienung gearbeitet und (korrekt) kassiert werden, bei einer (hoffentlich) großen Besucherzahl ist das ein echter Knochenjob. Einige Burschen müssen im Zelt übernachten, um zu verhindern, dass über Nacht etwas beschädigt oder gestohlen wird. Nebenbei wird natürlich auch der Baum bewacht. Auf Einhaltung rechtlicher Vorgaben (Lärm, Jugendschutzgesetz) muss man achten, bei Stromausfall, einer Schlägerei oder wenn die Zapfanlage streikt, muss schnell Abhilfe geschaffen werden – da können es sich die Kirchweihburschen absolut nicht erlauben, alle alkoholisiert zu sein. Die für alle Gäste deutlich sichtbaren „Traditionen“ wie Baumaufstellen, -austanzen oder Burschenschaftswettkämpfe müssen zusätzlich absolviert werden. Wenn eine Burschenschaft genügend Mitglieder hat, kann man sich schon mal in „Schichten“ aufteilen und einen Abend auf der eigenen Kirchweih genießen, aber „Fiää dooch, fiää dooch, sauf mer uns gschai zamm“ – das wird zwar gesungen aber sicher nicht praktiziert. Dabei hat so mancher Bursche heute auch noch Probleme mit dem fränkischen Dialekt, nicht selten werden die „traditionellen“ Kirchweihlieder weniger überliefert, als vielmehr von eigens dafür eingerichteten Internetseiten heruntergeladen und dann auswendig gelernt, dabei muss manch einer erst noch die richtige Aussprache üben („heißt des etz‘ Kirwä oder Kerwa???“). Büffeln muss man vor der Kirwa also auch noch... Die früher üblichen „Rivalitäten“ zwischen benachbarten Burschenschaften treten angesichts dieser Leistungen oft in den Hintergrund, schon allein, weil die „Rivalen“ selbst wissen, was für eine Belastung die Veranstaltung ist, und deshalb nicht zu sehr stören wollen.
Schwarze Schafe gibt es (wie in allen Vereinen) natürlich auch manchmal, also solche, die sich durch exzessiven Alkoholkunsum quasi direkt als „Kirwa-Sau“ qualifizieren, aber die Regel ist das bei der eigenen Kirchweih sicher nicht, denn wie in jedem anderen Unternehmen würde das auch hier nicht absolut nicht funktionieren. Die gute Nachricht ist: Es gibt eine Menge Kirchweihen im wochenblatt-Land: Gefeiert wird dann bei den Anderen! Auch wenn man in den meisten Burschenschaften normalerweise nur als unverheirateter Bursche Vollmitglied werden kann: gute Helfer sind immer und überall willkommen, oft ist es auch möglich, als passives Mitglied den Verein zu unterstützen.
Letzte Aktualisierung ( Montag, 5. August 2019 )