Im Dialog mit der Landwirtschaft Folge 11
Landwirte Landwirte im wochenblatt-Land wollen informieren
Einer zunehmenden Entfremdung zwischen den Erzeugern und den Konsumenten von Lebensmitteln will eine Gruppe heimischer Landwirte aus dem wochenblatt-Land mit fachlich fundierten Informationen entgegenwirken. Die Vollerwerbs-Landwirte stehen durch die Bewirtschaftung der Kulturlandschaft in der Öffentlichkeit  – und stören sich an einer Berichterstattung, die oft geprägt ist von einem offensichtlichen und eklatanten Mangel an fachlichem Grundwissen.

Im Bild: Die Bundestagsabgeordnete Lisa Badum (5. von rechts) und Kreisrätin Barbara Poneleit (6. von rechts) stellten sich den Fragen und Klagen von martin Friedrich, Claudio Keiner, Stefan Schaffer, Julian Engelhard, Gerd Fensel, Matthias Tauber (von links), Anja Friedrich, Johannes Rohlederer mit Partnerin, Max Merkl (von rechts) und Lisa Will (nicht im Bild) in Kemmathen.


Im Gespräch mit MdB Lisa Badum von B90/Die Grünen
In dem Ziel, die bäuerliche Landwirtschaft in Familienbetrieben zu erhalten und zu unterstützen, ist man sich näher als zunächst angenommen: Dies war eines der Ergebnisse eines Gesprächs mit der Forchheimer Bundestagsabgeordneten Lisa Badum. Die klimapolitische Sprecherin der Fraktion Bündnis90/Die Grünen im Deutschen Bundestag war zusammen mit Kreisrätin Barbara Poneleit, die auch Mitglied im Marktgemeinderat Igensdorf ist, der Einladung zur formlosen abendlichen Runde mit neun Landwirtinnen und Landwirten gefolgt.
Sehr gegensätzlich blieben die Positionen zum Thema Volksbegehren „Artenschutz“. Badum zeigte keinerlei Verständnis für die erfolgte Entfernung von Obstbäumen am Walberla. Die Landwirte versuchten darzulegen, dass ein Biotopschutz für veraltete, ohnehin oft unrentable Obstanlagen die Unwirtschaftlichkeit festschreibe und diese Entwertung des Grundbesitzes einen Eingriff in das Vermögen der Familien bedeutet: „Man kann Naturschutz mit der Landwirtschaft praktizieren, aber nicht gegen die Landwirtschaft“.
Auch wenn vieles am Ansatz des Volksbegehrens richtig gewesen sei, so Gastgeber Matthias Tauber, sei es weder gerechtfertigt noch zielführend, alle Auswirkungen der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklung auf die Natur den Landwirten anzulasten und ihnen alleine das Gegensteuern aufzubürden. Die Bauern erläuterten, dass ihre Arbeit in der Öffentlichkeit oft falsch dargestellt werde und dass die Wertschätzung dieser Arbeit nicht ihrem Wert entspricht.
Lisa Badum versicherte, dass die durch die Medien verstärkte „Spaltung war nicht geplant“ zwischen Landwirten und am Naturschutz interessierten Bürgern. Vielmehr sei ihr die Wertschätzung des Berufsstandes sehr wichtig. Darüber, dass man für hochwertige regionale Lebensmittel auch angemessene Preise erzielen muss, waren sich Badum und Poneleit mit den Landwirten einig. Es gehe ihnen keinesfalls um einen Generalvorwurf an alle Bauern, aber „es gibt problematische Strukturen“ in anderen Regionen, denen man entgegenwirken müsse.
Ein Schulfach für mehr Bewusstsein für Lebensmittel, wie in der Runde angesprochen, könne man kurzfristig nicht einführen, aber man könne „Öffentlichkeit machen“ für Bedürfnisse der Familienbetriebe und gegen belastende Missstände. Und sie könne sich im Landkreis für die Beteiligung regionaler Erzeuger etwa an Schulverpflegung oder der Nutzung nachwachsenden Rohstoffen für dezentrale Energieerzeugung einsetzen.

Die Kirsche: anspruchsvolle Diva, undankbare Arbeit
Nur etwa sechs Wochen im Jahr erfreuen sie uns, jetzt sieht man sie wieder überall an den Straßen: „Frische fränkische Kirschen.“ Die meisten Besitzer von Kirschenanlagen haben noch Milchkühe, weitere Landwirtschaft oder ganz andere Hauptberufe. Vor Jahrzehnten hatte fast jede Familie ein paar Obstgärten, nach der Arbeit und an den Wochenenden wurde die Ware geerntet, zum Markt gebracht und so ein kleiner Verdienst ermöglicht. Hohe Leitern ragten bis zum Himmel in den alten großen Bäumen. Ein paar „Kirschopfer“ gab es jedes Jahr, denn die oft älteren Pflücker fielen auch mal von der Leiter.
Familie Friedrich aus Mitteldorf setzt bei der Ernte auf ihren 1,4 ha immer noch auf helfende Hände von Familie, Freunden und Bekannten der Region. Bei größeren Erzeugern wie Thomas Härtel in Oberlindelbach, der sich auf Obstbau konzentriert, sind viele Saisonarbeitskräfte im Einsatz, Familie Merkl in Mitteldorf pflückt weitgehend selbst und vermarktet über die Obstmarkthalle Igensdorf, während man am Genusshof Pingold „Kirschenbusse“ begrüßt und mit Kaffee bewirtet.

Die Kirsche ist eine empfindliche Frucht, erzählt Anja Friedrich: Jede einzelne wird sehr behutsam (mit Stiel) gepflückt, beurteilt (und gegebenenfalls aussortiert), in den Korb gelegt und möglichst schnell gekühlt. Heute ist kaum noch jemand zu dieser Arbeit bereit. Viele familiäre Kirschgärten bleiben ungenutzt oder sind an aktive Obstbauern verpachtet. Jeder hat einen Job, am Wochenende möchte man sich erholen, statt 8 bis 12 Stunden Früchte pflücken, die man ja auch überall kaufen kann. Man sieht einer Kirsche nicht an, wieviel Arbeit schon vor der Ernte in ihr steckt. Im Herbst werden neue Bäume gepflanzt, über den Winter beginnt die Pflege der Anlagen (wie Ausholzen und Zäune richten), im Frühjahr müssen die Bäume in Form geschnitten werden. Heute sind die Bäume kleiner, um sicherer und effizienter zu arbeiten.Oft werden Bauern gefragt: „Wir haben einen Kirschbaum im Garten, aber alle Kirschen haben Würmer – was kann man da machen?“. Die Antwort von Martin Friedrich: Eine Kirsche ohne Wurm ist eine Kirsche mit Pflanzenschutz. Die größten Probleme bereiten die Kirschfruchtfliege und die Kirschessigfliege, die im Boden unter den Bäumen überwintern und ihre Eier in den Kirschen ablegen. Eine Kirsche mit Wurm im Handel – und der Bauer kann seine komplette Ernte wieder mitnehmen. Verhindern lässt sich dies mit Pflanzenschutz bereits vor der Reifung, aber auch regelmäßig in der Saison – mit strengsten Regeln, was, wann, wo gespritzt werden darf. Im Handel wird regelmäßig auf Rückstände getestet, es kommen Prüfer in die Kirschgärten. Eine Kirsche mit Rückständen im Handel bedeutet für den Bauern ebenfalls das Ende der Ernte. Jeder Betrieb, der Kirschen an den Handel vermarktet, muss sich zertifizieren lassen . Mehr als 300 Seiten Regeln und Nachweise müssen jedes Jahr bei Familie Friedrich bearbeitet und geprüft werden.

Seit etwa 10 Jahren nimmt der Einzelhandel nur noch exakt nach Größen sortierte Kirschen, weil „der Verbraucher“ das so will, heißt es. Das bedeutet Zusatzaufwand für manuelles Sortieren oder hohe Kosten für Sortier- und Verpackungsanlagen, in denen man gegen Entgelt sortieren lassen kann. Wie bei vielen Erzeugnissen aus der Landwirtschaft schrumpft der Verdienstanteil der Erzeuger auf oft nur ein Drittel oder ein Viertel des Verkaufspreises. Direkt beim Bauern an der Straße gibt es vielleicht mal große und kleine Kirschen im Körbchen – dafür aber sind sie frisch vom Baum und zu einem fairen Preis.

Anregungen und Fragen aus der Leserschaft sind immer willkommen, werden gesammelt und weitergegeben und (falls gewünscht öffentlich) beantwortet. Wer eine Frage an unsere Bauern hat, schreibt bitte mit dem Stichwort „Dialog mit der Landwirtschaft“ eine Mail an:  Diese E-Mail Adresse ist gegen Spam Bots geschützt, Sie müssen Javascript aktivieren, damit Sie es sehen können
Letzte Aktualisierung ( Mittwoch, 24. Juli 2019 )