Forschung, Spitzensport und Doping

Spitzensport10-Sekunden-Läufer Armin Hary in Heroldsberg
Vom 22. bis 24. Juni treffen sich in Heroldsberg anlässlich des 30-jährigen Jubiläums des Instituts für Biomedizinische und Pharmazeutische Forschung (IBMP) Wissenschaftler aus mehreren Ländern, um über die Forschungsthemen des Instituts in diesen 30 Jahren zu sprechen. Fragen des Dopings gehören schon seit über eineinhalb Jahrzehnten dazu. Auch die Medien sind vertreten, u.a. durch den ARD-Experten Hajo Seppelt, der die Dopingaffäre um Russland ins Rollen brachte, oder den SZ-Redakteur Thomas Kistner, der Bestseller über die FIFA und Doping im Fußball schrieb.
Auf der Seite der Spitzenathleten wird Armin Hary an der Veranstaltung teilnehmen: Er ist der erste Mensch, der die 100 Meter in 10.0 Sekunden lief, war 1960 in Rom olympischer Doppel-Goldmedaillengewinner und wurde im Jahr 2000 zum „Läufer des Jahrhunderts“ gewählt. Die FAZ bezeichnete ihn als „Usain Bolt des Jahres 1960“.

Professor Dr. Gerhard Treutlein, Deutschlands renommiertester Experte im Bereich Dopingprävention, kommt ins Gymnasium Eckental.

Präventions-Experte im Gymnasium Eckental
Einen besonderen Beitrag zum Thema Leistungssport und Doping („Leistungssport-Reform – dopen Pflicht?“) erwartet man sich von Prof. Dr. Gerhard Treutlein, emeritierter Professor für Sportpädagogik  der Pädagogischen Hochschule Heidelberg und renommiertester Experte Deutschlands im Bereich Doping-Prävention. Er wird am 22. Juni auf Einladung von Oberstudiendirektor Friedrich Arnet mit Schülern über das Thema Doping sprechen. Im wochenblatt-Interview gibt er vorab Hinweise für Eltern sportbegabter Kinder.
Gerhard Treutlein. Geb. 1940. Studium der Fächer Geschichte, Sport, Französisch. Promotion in Geschichte. Von 1971 – 2007 Lehrkraft an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg (ab 1980 als Professor für Sportpädagogik). Arbeitsschwerpunkte, u.a.: Veränderung von Lehrer- und Trainerhandeln, Dopinggeschichte, Dopingprävention. Von 2010 – 2016 Mitglied der Evaluierungskommission der Universität Freiburg für die Sportmedizin an dieser Universität. Von 1972 bis 2007 Disziplinchef Leichtathletik im Hochschulsportverband (ADH) und damit auch für die Studentennationalmannschaft und der Durchführung von Meisterschaften zuständig. Er ist Träger des Bundesverdientkreuz.

Was muss man sich unter Doping-Prävention vorstellen?

Die meisten verstehen schon Kontrollen und Bestrafung von positiv getesteten Sportlern als Prävention. Doch dies greift zu kurz: Zusätzlich zur Information von Regeln und Erklären von Kontrollabläufen muss eine moderne Dopingprävention junge Sportler zu Reflektieren und Argumentieren zur Dopingproblematik anhalten. Sie müssen lernen, wie sie in Versuchungssituationen handeln können und sie müssen so zu mentaler Stärke angeleitet werden, dass sie in Versuchungssituationen zu Dopingverführungen nein sagen können. Ideal wäre, wenn sie als peers (Juniorbotschafter für Dopingprävention der dsj) anderen Jugendlichen ein Vorbild sein könnten. Das Verteilen von Broschüren und das Aufklären über Regeln reicht für eine effektive Prävention nicht aus. Von der notwendigen Ausbildung von Präventionsexperten sind wir ebenso meilenweit entfernt wie von einer flächendeckenden, interaktiv angelegten modernen Dopingprävention.
 
Sehen Sie auch die Gefahr, dass das „Mehr Medaillen für weniger Geld“ der Bundesregierung ja geradezu Doping herausfordert?

Wer immer auch die Geldvergabe an Verbände und Sportler an erzielte Erfolge und Medaillen knüpft, setzt Anreize zum Doping. Insofern ist die geplante Spitzensportreform der falsche Weg. Die geplante Zentralisierung des Spitzensports weckt böse Erinnerung an die DDR (als „Vorbild“) … Auf diesem Weg wird dann die Autonomie des Sports völlig abgeschafft. Dann soll doch das Innenministerium gleich ganz die Verantwortung für den Spitzensport übernehmen, diesen völlig finanzieren. Wir haben ja schon 1200 Stellen für Spitzensportler bei der Bundeswehr, weitere Stellen bei Zoll und Polizei, d.h. wir sind schon längst auf dem Weg dahin. Nicht vergessen: Früher wurde in der alten Bundesrepublik genau dies an der DDR kritisiert, dem DDR-Staatssport mit Profis stellte man den vermeintlich völlig unabhängigen BRD-Spitzensport (Autonomie des Sports) gegenüber.

Sie werden am 22. Juni im Gymnasium Eckental auf Einladung von Oberstudiendirektor Friedrich Arnet zu Schülern sprechen. Was hat sich eigentlich über die letzten Jahrzehnte bei den Schülern zu diesem Thema geändert?

In den letzten Jahren wurde in den Medien breiter über die Dopingproblematik berichtet und auch das Alltagsdoping hat wesentlich zugenommen. Schüler sind heute im Durchschnitt besser informiert als vor 20, 30 Jahren. Hinzu kommen Informationsmöglichkeiten im Internet und Pseudo-Informationen durch Dealer.


Ab welchem Alter können Eltern darüber nachdenken, ihr Kind in einen Sportverein zu schicken, wenn es für Sport oder eine Sportart begabt ist?

Die Turnvereine haben früher eine hervorragende Bewegungs- und sportliche Allgemeinbildung vermittelt, zum Teil tun sie das noch heute. Die Förderung von Bewegung und Koordination fördert auch die Intelligenzentwicklung – das viele Sitzen in der Schule und vor dem Computer erreichen eher das Gegenteil. Besonders wertvoll sind da z.B. vielseitige Bewegungsbildung, Ballettausbildung, rhythmische Gymnastik, schädlich ist eine Frühspezialisierung. Wenn Vereine ein so gestaltetes Angebot machen, dann können Eltern ihre Kinder schon ganz früh in den Sportverein schicken. Dies ist dann nicht nur für talentierte Kinder wertvoll, sondern auch für alle anderen. Eltern haben die Aufgabe, vom Verein eine so orientierte breite Grundausbildung für Kinder zu fordern.
Dazu gehört aber auch eine Beratung der Eltern – Elternarbeit müsste ein wesentlicher Teil von Dopingpräventions-Bemühungen sein. Eltern haben Vorbildfunktion. Wenn sie bei jedem kleinen Wehwehchen Pillen oder wegen einer vermeintlichen Förderung der geistigen Leistungsfähigkeit Nahrungsergänzungsmittel schlucken, dann sind sie schlechte Vorbilder und fördern bei Kindern die Entwicklung von Dopingmentalität. Elternarbeit gibt es aber bis jetzt ebensowenig wie ein Fach Gesundheitserziehung in der Schule, in dem die Kinder damit konfrontiert werden können, was eine gesunde Lebensführung ausmacht.


Wer sollte Eltern beraten?

Das ist eine sehr gute Frage, auf die ich keine Antwort habe, weil für die Notwendigkeit von Beratungsmöglichkeiten bisher das Problembewusstsein fehlt. In geringem Umfang gibt es Möglichkeiten an den Olympiastützpunkten mit ihren Laufbahn- und Ernährungsberatern, die sehr gute Arbeit leisten. Für die Masse der Sporttreibenden fehlt diese Möglichkeit, sie ist auf Populärliteratur und Alltagszeitschriften angewiesen.


Würden Sie Eltern eines talentierten Kindes überhaupt raten, Leistungssportler zu werden?

Sinnvoll gestalteter Leistungssport bietet enorme Lernmöglichkeiten, z.B. das Leben in einer Gruppe, die Übernahme von Verantwortung, das Einhalten von Regeln, Anstrengungsbereitschaft usw. Teilweise wird da an der Basis sehr wertvolle Arbeit geleistet, vor allem dort, wo Übungsleiter und Trainer von den Kindern, ihren Bedürfnissen und Möglichkeiten her zu denken verstehen. Zu viele Übungsleiter und Trainer, aber auch Eltern, denken zu früh an zukünftige sportliche Erfolge und verstehen nicht, dass sie damit nicht wenige Kinder und Jugendliche aus dem Verein vertreiben. Nicht wenige Spitzensportler sind verantwortungsvolle reife Persönlichkeiten geworden, die als Vorbilder dienen können. Zu viele werden aber durch die Profitorientierung und die Doping- und Betrugsversuchung geschädigt. Es ist Aufgabe der Eltern, genau hinzuschauen, was im Verein (aber auch im Sportstudio) gemacht wird. Austesten der eigenen Grenzen kann sehr wertvoll sein, das Überschreiten natürlicher Grenzen mit Hilfe von Chemie und Betrug mit Sicherheit nicht.


Sie waren mit Professor Sörgel vom Heroldsberger Institut Mitglied der Evaluierungskommission der Sportmedizin der Universität Freiburg. Gerade durch Ihre Arbeit wurden erschreckende Details bekannt. Welche waren das?

Eigentlich waren die Stukturen durch die Arbeit von Kommissionen (z.B. Grupekommission 1977, Richthofen- du Reiterkommission 1991) und Bücher wie „Doping – von der Forschung zum Betrug“ (Berendonk, 1991), oder „Doping im Spitzensport“ (Singler/Treutlein, 2000) schon vorher bekannt. Über die Kommissionsarbeit konnten hierzu ergänzend die kommunalen, regionalen und nationalen Verstrickungen und Details herausgearbeitet werden. Hinzu kommen Kenntnisse zu Wissenschaftsbetrug oder zu hahnebüchenen Forschungsprojekten (z.B. zur Bedeutung von Wein- und Zuckerkonsum für die Gesundheit). Stadt, Land und die Bundesrepublik haben von den auf Betrug basierenden Ergebnissen profitiert, Aufklärung tut weh, deshalb gab und gibt es so viele Widerstände.


Wie sehen Sie die westdeutsche Geschichte in Sachen Doping  und wo liegt der Unterschied zu den Vorgängen in der DDR?

In der DDR war eine Top-Down-Strategie gegeben, d.h. Doping war von der Regierung verordnet und wurde von ihr zentral gesteuert. In der alten BRD war zumindest in den ersten Jahrzehnten nach dem 2. Weltkrieg eher eine Botton-up-Strategie gegeben. Sportler an der Basis haben Dinge ausprobiert (Learning by Doing) und dann nach und nach „Hilfe“ von Ärzten, Trainern und Funktionären erfahren. Später kam die Steuerung von oben über Normen und Erfolgserwartungen hinzu. Im Gegensatz zu der Situation der Athleten in der DDR konnten Athleten in der BRD (und ihr Umfeld) leicht „nein“ zu Doping sagen; viele haben genau dies nicht gemacht und damit ihre gesundheitliche Zukunft und ihr Leben riskiert.

Vielen Dank.


Näheres über die Diskussion „Leistungssport-Reform – dopen Pflicht?“ am 24. Juni in Heroldsberg  kann man auf IBMP-Homepage erfahren: www.medizin-nuernberg.de  


Eine Teilnahme an der Veranstaltung  am 24. Juni in Heroldsberg kann ausschließlich auf Einladung erfolgen. Für in gesellschaftlich relevanten Themen des  Bereichs Hochleistungssport engagierte Bürger aus dem wochenblatt-Land haben der Novum-Verlag und das IBMP vier Plätze reserviert (Anfragen bitte per Mail an Diese E-Mail Adresse ist gegen Spam Bots geschützt, Sie müssen Javascript aktivieren, damit Sie es sehen können ).

Letzte Aktualisierung ( Montag, 19. Juni 2017 )