Luther-Spektakel – ein Rückblick
Galerie Wenn fünf  Pfarrer plötzlich Thesen übersetzen und die Landfrauen um Frau Rohlederer über die frühneuzeitliche Versorgung unberechenbarer Massen nachdenken. Wenn die kleinen Geyersbuben in Forth die mobile Bühne, ihren Bulldog, blitzblank wienern und an den Haustüren zwischen Kleingeschaidt bis Ebach flächendeckend Thesen aufgehängt werden. Wenn die Feuerwehren in Eschenau, Eckenhaid und Forth Straßen und Plätze sperren und Heike Müller riesige Bettlaken bemalt und bunt gekleidete Narren Schilder mit Fake news, Tod und Teufel in die Luft recken – dann ist das keine Protestaktion, sondern die Aktion der Protestanten zum 500-jährigen Jubiläum der Reformation – hier bei uns in Kalchreuth, Forth, Eschenau, Eckenhaid und Beerbach.

Für das Lutherspektakel am 21. Mai 2017 haben viele Hände, Köpfe, Augen, Füße, Münder und Gedanken ineinandergegriffen und zugepackt. Das Theater als sozialste aller Kunstformen schien geeignet die Ereignisse ab dem Jahr 1517 sichtbar zu machen und  auf unsere Kirchplätze zu holen. Schon in der Vorbereitung dieses Unterfangens haben wir viel Hilfe erfahren, denn es galt ja zunächst einen Text zu verfassen, der unseren Bedürfnissen, unseren „Schauspielern“ und unseren Plätzen entsprach. Hier sei Gabriele Küfner von der Hans-Sachs-Spielgruppe Langenzenn und den Kreuzgangspielen in Feuchtwangen herzlicher Dank ausgesprochen. Die Zusammenstellung der Spielwilligen für unser Lutherspektakel war, wie man auf fränkisch sagen würde, eine „hoserwilde“ Mischung. Erfahrene Kräfte wie Jacqueline Majbour aus Martina Salzmanns „Forthissimo“ und als eigenwilliger und stets verlässlicher Fels in den Brandungen, Martinus Luther alias Jürgen Salzmann mischten sich mit völligen Bühnenneulinge wie Carsten Schulz und Petra Grieseler aus den Kirchenvorständen, die sich nebst einiger Jugendlichen wunderbar entwickelten. Es brillierten verschiedene Pfarrer, sei es in gewohnter seelsorgerischer Position wie Pfarrer Martin Irmer als Luthers Beichtvater Staupitz oder in ungewohnter Manier als holzhackender Ablassdrescher Tetzel im Falle Pfarrer Häselbarths in Forth. Es darf als Glück gelten, dass auch theologisch hochkarätig Winfried Heider vom Gymnasium Eckental mitspielte und Wolfgang Scheffler als altbekannter Theater-Hero der Burschenschaft Eschenau den revolutionären Bauernführer Thomas Müntzer gab. Alle wurden zeitgemäß eingekleidet von der Gräfenberger Gewandschneiderey Franziska Rabe. Kleider machen Leute sagt man, aber der Text war natürlich auch noch zu lernen. Und die Bühne zu bauen. Und die Bühne zu schmücken. Und die Presse anzusprechen. Und zu beten, dass das Wetter hält….

Stephan Falter entwickelte ein Ruck-Zuck-Schreinersystem im Bühnenaufbau, das kinderleicht aufzubauen war und Heike Müller machte das Gestell durch ihr Bühnenbild gefällig. Glücklicherweise gab es die Familie Leipnitz. Katja als Regieassistenz und „best girl“, Klaus am Bass der Kirchenband, Felix in Eigenverantwortung für die Technik und Lena am Mikro als Sängerin. Wir probten viel, aber irgendwer war natürlich auch immer nicht da. Die Samstage waren komischerweise alle verregnet, so dass uns der Himmel die open-air Proben verleitete, aber als der Tag der Aufführung dann kam, strahlte der Herrgott sichtbar über unserem Projekt. Die „Festival“Busse, die Frau Maußner und Frau Wölfel fürsorglich besorgt hatten, füllten sich von Dorf zu Dorf und brachten alle Schaulustigen sicheren Fußes zum Wandeltheater und so erlebten wir miteinander Luthers Seelennot und Angst vor den Qualen in der Hölle. Wir sahen aber auch seinen Widersacher Tetzel, dessen Attraktion in Forth belegt wurde, da ziemlich viele Ablassbriefe tatsächlich verkauft wurden! Wir erlebten die Reifung Luthers, der auf den Klängen von „Knocking on heavens door“ seine berühmten Thesen anschlug, die bis heute Wellen verursachen. Die Kirchenband „Forth forte“ mit Stephan Falter, Linda Ullherr und Klaus, Katja und Lena Leipnitz akzentuierten hier wunderbar neuzeitlich die frühe Neuzeit. In Eschenau wurden alle Spielenden und Schauenden erst mal kulinarisch versorgt. Die Getränke übernahmen die hellblaugewandten Kalchreuther „Männer“ , das Essen die rührigen „Beerbacher“ Frauen. Der Himmel und die Atmosphäre lud zu guten Gesprächen ein, bevor Cajetan, der päpstliche Legat durch sanften Druck und simonistische Korruption den jungen Luther dazu bringen wollte seine Thesen zu widerrufen. Unser Jürgen Salzmann hielt stand. Er konnte gar nicht anders. Gott half ihm. Amen.

Dennoch geriet der umstrittene Reformator in die Mühlen der Politik und wurde von Wolfgang Scheffler alias Müntzer als verlorener oder gar verlogener Menschen-führer angeklagt. Es war keine Heiligenverehrung in unserem Spektakel intendiert, sondern eine kritische Auseinandersetzung mit dem Konfessionsgründer. Die heimische Seite in Luthers Haus spielte Susanne Michler als Katharina von Bora in der Eckenhaider Friedenskirche wunderbar aus. Sie klagte über das Gottvertrauen ihres oh so berühmten Mannes, der alle Studenten einlud und ihr die Last der Versorgung überließ. Sie offenbarte aber auch ihre Liebe und stille Geduld als „Herr Käthe“ den Haushalt zu schmeißen, wenn es der guten Sache der Glaubensfindung diene. Passend zu Katharinas Kaffeetafel hatte der Eckenhaider Kirchenvorstand zur richtigen Stunde für die rund 300 Zuschauer des Spektakels Kaffee und Kuchen bereitgestellt. In der Beerbacher St. Egidienkirche beschlossen Pfarrer Menzinger mit Worten und der Dekanatskantor Andreas Schmidt mit beeindruckenden Tonwolken einen ereignisreichen Tag. Oft glaubte man nicht, dass alles klappt. Aber das Schöne ist ja: alle die dabei waren, glauben.     M.Switalski
Letzte Aktualisierung ( Mittwoch, 28. Juni 2017 )