Home
Sonntag, 15. Dezember 2019
 
 
 
Home
Leser–Service
Anzeigen-Service
fifi - der Firmenfinder
Kontakt
Suche
Impressum
Datenschutzerklärung
Lesezeichen setzen!
wochenblatt Hero
 
 
Private Kleinanzeigen
… aufgeben
… lesen
 
 
Das wochenblatt zwitschert jetzt mit!
 
 
Reichspogromnacht am 9. November Drucken E-Mail
ReichspogromnachtTochter des Forther Hebräisch-Lehrers zu Besuch
Als Edith Schwarz-Fränkel, die Tochter des ehemaligen Kantors der Israelitischen Kultusgemeinde Erlangen am 4. Juni 2019 erstmalig Forth besuchte, stand sie gerührt neben der Erinnerungsstele für die ermordeten jüdischen Mitbürger und Opfer der Shoa. Einigen dieser Ermordeten hatte ihr Vater, Justin Fränkel, ab 1924 Hebräischunterricht gegeben und sie in die Grundlagen des jüdischen Glaubens eingewiesen. Für die in Forth verbliebenen jüdischen Familien war er heimlich auch als Schochet, als ritueller Schächter für koscheres Fleisch in Zeiten des NS-Schächtverbots tätig. Fränkel hat als couragierter Zeitgenosse gegen den Rassismus der Nationalsozialisten aufbegehrt und mit allen Kräften versucht Gerechtigkeit zu leben.

Im Bild: NS-Bericht in der Tageszeitung über den Angriff eines SA-Manns auf den jüdischen Religionslehrer Fränkel in Forth 1934.
Gewalt schon vier Jahre vor den November-Pogromen
Als er am 13. September 1934 von einem SA-Mann auf der Straße blutig geschlagen wurde, traute er sich immerhin noch eine Anzeige beim Forther Gendarm anzubringen. Das Polizeiprotokoll aus dem Staatsarchiv Nürnberg LRA Erlangen Abg. 1978, Nr. 758 vermerkt: „Heute den 13.9.34 um 15 Uhr 30 erschien auf hies. Station der für Forth zuständige jüdische Religionslehrer Justin Fränkel. […] Fränkel blutete aus einigen scheinbar unbedeutenden Wunden auf dem Kopfe.
Er teilte mir mit: Soeben gehe ich vom jüdischen Schulhaus in Forth kommend der Ortsstraße entlang, um zur Bahn zu gehen. […] Vor mir ging ein junger Mann […] mit Fahrrad und schob dieses neben sich her. Weil ich etwas schneller ging, kam ich dem Dümmler und seiner Begleiterin nach. Als ich schon nahe an beiden heran war, sagte Dümmler in sehr provozierendem Tone zu seiner Begleiterin: ‚Was will denn dieser Saujud hier, mit was handelt denn nur der Saujud!‘ Während dem überholte ich den Dümmler und sagte: ‚Tuen Sie Leute die anständig ihres Weges gehen, nicht nach Lausbubenart provozieren!‘ Daraufhin tat Dümmler seine Fahrradpumpe von seinem Fahrrad, ging und sagt: ‚Sagst du noch einmal zu mir Lausbub!‘ Und ich erwiderte ihm, wenn er sich wie ein Lausbub benehme, müsse er es sich gefallen lassen, dass er wie ein Lausbub behandelt werde. […] Ich glaube, dass Dümmler auf meine Erwiderung sofort mit der Fahrradpumpe zum Angriff überging und ich in der Abwehr diesen erst einen Schlag versetzte. Jedenfalls erhielt ich jetzt von Dümmler einige Schläge auf den Kopf. […] Mir lief dabei das Blut über den Kopf herunter und so komme ich jetzt auf die Station und melde den Vorfall. Im Interesse des öffentlichen Friedens in Forth möchte ich erklären, dass ich keinen Wert darauf lege, dass Dümmler empfindlich gestraft wird, wenn dieser sein Verhalten an der Ortstafel bedauert und 25 Mark an die Ortsfürsorge Forth oder an die Volkswohlfahrt bezahlt und mir meine ärztlichen Auslagen ersetzt.“
Dieses friedvolle Angebot Fränkels wurde völlig negiert. Die örtliche Presse verkehrte die hier festgehaltenen Opfer-Täter-Rollen ins Gegenteil und machte aus dem SA-Mann das unschuldige Ziel „jüdischer Frechheit“, nicht ohne gleichzeitig zu vermerken, dass man für die Sicherheit eines Juden in Forth nicht mehr garantieren könne.

„Fake News“ durch Polizei und Presse

Die pro-nationalsozialistische „Fränkische Tageszeitung“ behauptet am 18.9.1934 in einer perfiden Umkodierung der Wahrheit, dass Fränkel auf die Beleidigung des SA-Mannes mit einer bedrohlichen Handbewegung geantwortet habe und „den SA-Mann ins Gesicht“ geschlagen habe. Dies sei Grund genug alle Juden aus dem Dorf zu vertreiben.
„Daß sich ein SA-Mann von einem Juden nicht schlagen läßt, ist selbstverständlich und so erhielt der Jude die ihm für diese Frechheit gebührende Abreibung. Dieser Vorfall löste in Forth ungeheure Erregung aus und es wäre an der Zeit, dem Juden Fränkel das Betreten von Forth zu untersagen. Ortsgruppenleiter und Gemeindebehörde lehnen jede Verantwortung ab für die Person des Juden Fränkel, falls er noch einmal in Forth auftauchen sollte. Der Jude besaß auch noch die Frechheit, nachdem er zugeschlagen hatte, den Vorfall bei der hiesigen Gendarmerie zur Anzeige zu bringen.“ Die NS-Presse kündigt also nach dieser Umkehrung der Täter-Opferrollen einen von ihr legitimierten Spießrutenlauf für den Hebräischlehrer an und fordert ihre Leser implizit auf, Fränkel beim nächsten Betreten des Dorfes sofort anzugreifen!
Fränkel wurde von der Kammer des Inneren am 6. November 1934 nahegelegt, dass er den Religionsunterricht der Forther Kinder in Ermreuth abhalten solle, da seine Unversehrtheit in Forth nicht gewährleistet werden könne. Dies hielt ihn aber nicht ab anderen Bedürftigen wie etwa den beiden Schnaittachercousins Fritz und Alfred im Gefängnis zu helfen. Fränkel war Zeit seines Lebens nicht nur überzeugter Vertreter seines Glaubens, sondern immer auch wacher Zeitgenosse und Kämpfer gegen das diktatorische Regime. Er kam vom 28. April 1937 bis zum 11.November 1937 in Gestapo-Haft in Würzburg und beschloss danach die dringende Ausreise. Buchstäblich in letzter Minute konnte die Familie mit den beiden Kindern Ernst und Edith 1937 nach Amerika fliehen und lebte dort in armen Verhältnissen in Cincinatti. Justin Fränkel starb am 19.10.1984 mit 88 Jahren im Exil und seine Tochter Edith bewahrt das Andenken an ihren glaubensstarken und widerspenstigen Vater seit nunmehr 93 Jahren bis zum heutigen Tag.
Letzte Aktualisierung ( Mittwoch, 13. November 2019 )
 
< vorherige Meldung   nächste Meldung >
 
 
Das aktuelle Heft zum online-Blättern
 
 
Der Gloss'n Hans macht sich Gedanken
 
 

fifi findet
fifi - der pfiffige
Firmenfinder

 
 
Leserfotos

Leserfoto