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Im Dialog mit der Landwirtschaft Folge 15 Drucken E-Mail

MilchäuslaLandwirte im wochenblatt-Land wollen informieren
Für die Reihe „im Dialog mit der Landwirtschaft“ hat wochenblatt-Leserin Sabine Büssert aus Sicht einer fachfremden Verbraucherin bereits über zwei Milchviehbetriebe berichtet. Nun hat sie einen Praktikumstag bei Familie Friedrich in Mitteldorf im Markt Igensdorf absolviert.

Im Bild: Martin Friedrich und Sabine Büssert am Milchautomaten. Ein kleiner Teil der täglich gemolkenen Milch wird hier – wie bei drei weiteren „Milchtankstellen“ in der Region – direkt ab Hof vermarktet, der Hauptanteil über eine Molkerei. Bei den saisonalen Kirschen ist es ähnlich.


Rote Kirschen sollst du pflücken
Samstag morgens um 7:30 Uhr bin ich bei Martin auf dem Hof. Mir wurde eine Tasse Kaffee versprochen, die ich auch bekomme. Er hat die „Frühschicht“ schon absolviert. Die Milch im „Milchhäusla“ (Direktverkauf ab Hof) getauscht, die Kühe gefüttert und so weiter. Um 4 Uhr wurde ein Kälbchen geboren, um das er sich gerade kümmert. Er sieht erstaunlich wach aus. Ich würde eher einem Zombie ähneln, wenn ich mit so wenig Nachtruhe auskommen müsste. Man bekommt ein schlechtes Gewissen und unterdrückt das Gähnen, so gut es geht.
Nach dem Frühstück mit allen Erntehelfern (aus Erlangen hergeradelte Freunde, die beiden wie jedes Jahr zum Ernte-Urlaub angereisten „Ostseeperlen“ Ulrike und Kathrin aus Mecklenburg-Vorpommern sowie Aljona, die Studentin im Praxissemester aus Kazan in Russland) fahren wir raus zur Kirschenanlage oberhalb von Mitteldorf, mit herrlichem Ausblick über die Landschaft. Im Fränkischen werden auf knapp 800 Hektar Kirschen angebaut, Martin hat davon etwa 1,5 Hektar.
„Nur mit Stiel hat Stil“, erklärt er, sonst hat die Kirsche quasi eine Verletzung, die sie wertlos macht. Früchte, die kleiner als 24mm Durchmesser sind, soll ich fallenlassen. Ich ziehe verwundert die Augenbraue hoch und frage nach, ob das ernst gemeint ist. „Ja, durchaus. Die werden nicht vermarktet und machen mir den Preis für die größeren Kirschen in der Kiste kaputt“. Verrückte Welt, denke ich. Ich habe beim Einkaufen noch nie auf die Größe der Kirschen geachtet. Frisch sollten sie sein, aus unserer Region, reif, aber nicht überreif, naja und lecker natürlich - aber die Größe? „Der Verbraucher will das so“ höre ich schon wieder. Langsam nervt mich dieser Satz, weil ich damit einer Gruppe zugeordnet werde, zu der ich nicht gehören will. „Sortiert ihr auch die Kirschen, die ihr im Milchhäusla verkauft?“ frage ich. „Nein, da sind auch kleinere dabei, aber keine unter 22mm. Direkt bei den Bauern an der Straße kaufen die Kunden auch gemischte Größen“. Ha! Denke ich mir, also ist das gar nicht „der Verbraucher“. Oder doch? „Vom Handel wird es uns aber so dargestellt, dass der Verbraucher nur große Kirschen haben will. Vielleicht will das aber auch der Handel so, weil große Kirschen teurer verkauft werden können.“
Erstmal rauf auf die Leiter, die „Kretzn“ (den geflochtenen Erntekorb) an die Leiter hängen und dann geht es los. Ich habe eine Schablone bekommen, weil für mich als Neuling der Unterschied zwischen 22 und 24mm nicht so einfach zu erkennen ist. Also mit Stiel pflücken, kurz an der Schablone testen und in den Korb – oder runter auf den Boden. Mit der Zeit bekommt man ein Gefühl für die richtige Größe und es geht etwas flotter. Wenn der Korb voll ist, bringe ich ihn zum Tisch neben dem Pkw-Anhänger. Hier sortiert Martins Frau Anja die Kirschen nochmal und wirft noch einige weg. Der Rest kommt in die blauen 6-Kilo-Kunststoffkisten und sofort in den Anhänger in den Schatten. „Wir können bei den Temperaturen nur bis mittag ernten, danach werden die Kirschen zu heiß, dann würden sie zu schnell verderben“. Unterbrochen nur von einer kurzen Tee Pause schaffen wir bis 13 Uhr 46 Kisten in den Anhänger. Ich will gar nicht wissen, wie viele Kilogramm dabei auf dem Boden gelandet sind.

Mittagspause mit Aussicht
Beschattet von zwei großen Kirschbäumen einer alten Sorte sitzen wir an Biertischen mit wunderschönem Ausblick über die Anlage ins Tal. Es gibt eine schmackhafte Brotzeit mit selbst gemachter Leberwurst, Obatzdn, Gemüse und weiteren Leckereien. Währenddessen befrage ich Martin über den Kirschenanbau und vergleiche das mit den Apfelbauern in Südtirol. „Die Südtiroler haben den Apfelanbau perfektioniert“ sagt Martin. Den Satz kenne ich von ihm, er hat zu einem Interview mit einem Apfelbauern in den Pfingstferien in Südtirol geführt. Deshalb frage ich jetzt, ob sich bei den Kirschbäumen nicht die gleiche Anbauweise anbieten würde wie bei den Äpfeln, also mit kompakt geschnittenen Bäumen, nicht so hoch und relativ dicht gepflanzt. „Das kommt bei uns auch. Wenn ich Bäume rausnehmen muss, weil sie erschöpft sind, pflanze ich auch dichter und halte sie kleiner und kompakter. Das funktioniert ähnlich wie bei den Äpfeln. Was bei uns nicht so funktioniert ist die Lagerung.“ Man kann Kirschen nicht so lange lagern, wie Äpfel. Wenn man sie gut kühlt, halten sie zwar etwas länger. Das CA-Lager (Controlled Atmosphere) mit Temperaturen um den Gefrierpunkt und 3-10% Sauerstoff bringt bei Kirschen etwa 2-3 Wochen Lager Fähigkeit, bei Äpfeln reden wir hier aber von mehreren Monaten. Dazu kommt, dass Kirschen empfindlicher auf Regen reagieren. Einen Apfel lässt das relativ kalt, eine Kirsche platzt durch die Osmose auf und wird wertlos. Auch die Erntezeit ist kürzer, trotz Früh- und Spätkirschen. Dadurch drängen in kurzer Zeit viele Früchte auf den Markt – auch aus dem Ausland, aus der Türkei beispielsweisel, die sind billiger zu haben. „Wir halten uns an EU-Auflagen, was Pflanzenschutz und Karenzzeiten angeht und wir zahlen den Erntehelfern Mindestlöhne. Dadurch ergibt sich einfach ein gewisser Preis, den wir verlangen müssen“ erklärt mir Martin. Alleine mit Freunden als Helfer, die sich in Naturalien bezahlen lassen, ist die ganze Saison nicht zu schaffen.

Sortierung und Kühlung
Nach der Mittagspause nimmt mich Martin mit zum Abliefern. Nachdem unsere Kisten auf Palette gestapelt sofort ins Kühllager gebracht wurden, zeigt mir Martin noch die Sortieranlage. Die Kirschen werden hier gekühlt und gewaschen, anschließend aus dem Wasser gefördert und von Hand diejenigen aussortiert, die kaputt oder zu klein sind. Die anderen werden fotografisch vermessen, maschinell per Luftstoß nach Größe sortiert, an den jeweiligen Bändern in Verkaufsschälchen verpackt und in Transportkartons auf Paletten wieder bis zur Abholung ins Kühllager gebracht.

Zurück zum anderen Job
Damit sind wir mit den Kirschen für heute fertig, mit leeren Kisten geht es zurück zu Martins Hof. Die Mutterkuh des nächtlichen Kälbchens muss noch untersucht werden, eine andere Kuh hat ihr Halsband mit dem Transponder für den Melkroboter verloren und eine weitere hat ein Fußproblem. Also, rein in eine geliehene Latzhose und Gummistiefel und dann in den Stall. Einsatz für Aljona. Sie studiert Tiermedizin in Kazan und ist für ein Praxissemester bei Martin auf dem Hof (wie schon im wochenblatt vom 19. September  im vergangenen Jahr berichtet). Aljona schafft es, die Kuh mit dem Fußproblem im Laufstall am Futterplatz zu fixieren. Dann kommt Martin mit einem fahrbaren Klauenpflegestand, einer Art „Kuh-Heber“. Mit breiten Gurten wird die Kuh etwas geliftet und gesichert und schließlich wird ihre Klaue (ja Martin, ich habe es behalten: Klaue, nicht Huf, Kühe sind Paarhufer, da nennt man es Klaue) angehoben. Sieht ein bisschen wie die Ballettfigur Arabesque aus. So kann Martin das Horn an der Klaue behandeln und einen Holzklotz auf einer Hälfte ankleben. Noch Salbe auf die Wunde und Verband drumwickeln, dann kann das Bein wieder auf die Erde. Die Kuh hat es recht geduldig ertragen. Stress war es sicherlich, so fixiert und mit hoch gebundenem Bein, aber nach ein paar unsicheren Schritten auf dem „High Heel“ läuft sie wieder normal.
Martin zeigt mir seinen kompletten Hof, der von Bahnlinie, Bundesstraße und zwei Nachbarn eingerahmt ist und erklärt, wie er mit den beschränkten Möglichkeiten arbeitet. Er kann z.B. keine Weidemöglichkeit anbieten. Der Hof ist so ausgelegt, dass seine Kinder nicht übernehmen MÜSSEN. Er möchte, dass die beiden sich frei entscheiden können, wie ihre berufliche Zukunft aussieht.
Es ist jetzt 18:30 Uhr. Für mich ist Feierabend, Martin hat im Stall noch zu tun. Bevor ich mit meinen Kirschen nach Hause gehe frage ich Martin „Bist du glücklich?“
„Ja, bin ich. Ich habe eine Familie, wir sind gesund. Was will ich mehr?“. Meine letzte Frage, „wenn die berühmte Märchenfee vor dir sehen würde und du hättest 3 Wünsche frei, was würdest du dir wünschen?“ antwortet er: „Einen respektvollen Umgang mit uns Landwirten und eine angemessene Bezahlung für unsere Lebensmittel halte ich für selbstverständlich, das ist nichts für eine Fee. Also bleibt mir zu wünschen: Gesundheit für meine Familie und mich – und dass auf dem Hof nichts Schlimmes passiert“. Sabine Büssert

Anregungen und Fragen aus der Leserschaft sind immer willkommen, werden gesammelt und weitergegeben und (falls gewünscht öffentlich) beantwortet. Wer eine Frage an unsere Bauern hat, schreibt bitte mit dem Stichwort „Dialog mit der Landwirtschaft“ eine Mail an:  Diese E-Mail Adresse ist gegen Spam Bots geschützt, Sie müssen Javascript aktivieren, damit Sie es sehen können
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