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Im Dialog mit der Landwirtschaft Folge 14 Drucken E-Mail

Johannes RohledererLandwirte im wochenblatt-Land wollen informieren
Vor Kurzem hat wochenblatt-Leserin Sabine Büssert für die Reihe „im Dialog mit der Landwirtschaft“ aus Sicht einer fachfremden Verbraucherin über ihr eintägiges „Kurzpraktikum“ auf dem Bio-Hof von Familie Fensel in Oberschöllenbach berichtet. Nun hat sie den konventionell arbeitenden Hof von Johannes Rohleder in Kleingeschaidt besucht – den einzigen Halter von Milchkühen in dem Ort.

Im Bild:
Johannes Rohlederer mit seinen Tieren auf dem einzigen landwirtschaftlichen Vollerwerbsbetrieb in Kleingeschaidt.

Der letzte Bauer in Kleingeschaidt
„Johannes‘ Hof sieht man bei der Anfahrt aus Heroldsberg Richtung Eschenau, wenn man kurz vor der Kreuzung mit Groß-/Kleingeschaidt nach rechts schaut. Da sieht man einen großen Stall.“
Mit dieser Anfahrtsbeschreibung mache ich mich auf, um Johannes auf seinem Hof zu besuchen. Glücklicherweise ist Kleingeschaidt nicht besonders groß, so dass ich den Weg schnell finde.
Johannes führt mich als Erstes durch diesen Stall und erklärt mir, dass er vor der Wahl stand, entweder den elterlichen Hof als Nebenerwerb weiter zu führen, aufzuhören, oder zu investieren. Er hat sich für die Investition entschieden. Das war kein einfacher Schritt, weil die Zukunft gerade mit Milchkühen nicht sicher und so ein Stall ziemlich teuer ist. Das bedeutet eine ziemlich hohe Verschuldung für die nächsten 20-25 Jahre - trotz Förderung. Die Ratenzahlung wird vom Verkauf der Milch bestritten. Wenn wir uns vor Augen halten, welche Achterbahnfahrt dieser Milchpreis in den letzten Jahren gemacht hat, bekomme ich großen Respekt vor jemandem, der diesen Schritt wagt.

Der große und luftige Stall ist ein sogenannter Laufstall, das heißt, die Kühe entscheiden ob sie gerade etwas fressen oder zum Wiederkäuen liegen möchten, ob sie auf den Freilauf-Hof oder sogar auf die Weide möchten. Wobei es ihnen erst jetzt (es ist 20 Uhr) langsam kühl genug ist für die Weide.
Johannes füttert eigenes Silagefutter und zusätzlich Heu. Um den Eiweißgehalt optimal zu halten wird Rapsschrot und Biertreber beigemischt. Soja wäre ebenfalls eine Möglichkeit, kommt aber oft nicht aus Europa. Deshalb, und weil er, wie seine Kollegen, keine gentechnisch veränderten Pflanzen verfüttern will, verzichtet er seit einigen Jahren auf Soja. Zusätzliches Kraftfutter gibt es nur beim Melken. Auch die Kälbchen bekommen Milch vom Hof und im Regelfall kein Milchpulver, obwohl das im konventionellen Betrieb erlaubt wäre.

Melken 4.0…?
Die beiden Melkroboter schaffen die 100 Milchkühe meist ohne Hilfe. Die Tiere bestimmen selbst, wann sie gemolken werden. An einem Transponder am linken Vorderbein erkennt der Computer jede Kuh und öffnet die Tür nur, wenn das letzte Mal am Melkstand lang genug zurückliegt. Der Computer steuert ebenso die Gabe des Kraftfutters – die Kühe lieben es wie eine Süßigkeit und versuchen öfter als vorgesehen, in den Melkstand zu kommen. Hier legt der Roboter kameragestützt das Melkgeschirr an und startet die Prozedur. Sollte beim Anlegen etwas schiefgehen, wird nach drei Anläufen der Bauer informiert und das Ganze protokolliert. Wenn die Fließgeschwindigkeit nachlässt, lässt der Roboter los und die Tür zum Stall geht wieder auf. Jeden zweiten Tag kommt der LKW der Molkerei und holt die gesammelte und gekühlte Milch ab.
Wir gehen am Gülletank vorbei (es riecht überhaupt nicht, stelle ich verwundert fest) und besuchen kurz die „Teenager“ in ihrem Stall, der noch von Johannes‘ Eltern erbaut wurde. Hier sind die Liegeplätze mit Gummimatten ausgelegt, nicht mit Stroh, wie im großen Stall. Die Gummimatten sind genauso bequem wie Stroh, jedoch nicht so pflegeintensiv. Auch hier ist mehr Platz als gesetzlich vorgeschrieben. Die Kälbchen schließlich werden auf Stroh gehalten und aus Nuckeleimern, die mit Milch aus dem sogenannten Milchtaxi gefüllt wurden, gefüttert. Johannes würde sich gerne die Möglichkeiten der Ammenaufzucht näher ansehen, weil er das Konzept gut findet und Studien gezeigt haben, dass es den Kälbchen guttut.

Futteranbau auf eigenen Flächen
Dann fährt Johannes mit mir zu einer seiner Wiesen, die er im Förderprogramm Kulap (Kulturlandschaftsprogramm) hat. Die Pflanzen sehen nicht besonders saftig aus, finde ich. Johannes bestätigt den Eindruck und erklärt, dass das Programm vorschreibt erst ab 1. Juli zu mähen. Die Pflanzen verholzen, wenn man sie so lange stehen lässt, das mögen die Kühe dann nicht fressen und es enthält auch kaum noch Nährstoffe. Den Mähzeitpunkt also an ein festes Kalenderdatum zu hängen, ist keine gute Lösung. Je nach Meereshöhe, Witterung und Klima kann es sein, dass die Wiesenpflanzen dann für die Kühe völlig wertlos sind, wenn gemäht werden darf. Das ist einer der Aspekte, der die Bauern am Volksbegehren gestört hat Eines seiner Maisfelder zeigt er mir auch noch. Hier hat er freiwillig einen breiten Blühstreifen angesät. Das bedeutet quasi doppelten Verlust (kein Mais auf der Fläche und zusätzlich die Kosten für die Saat), aber da Mais für die heimischen Insekten unattraktiv ist, sieht Johannes es als eine Art Ausgleichsfläche. Der Mais wird bei der Ernte komplett gehäckselt, siliert und verfüttert.

Alternativen zum Landwirt
Mit seiner Ausbildung zum Techniker für Landwirtschaft hätte Johannes auch als Angestellter einen „normalen“ Job machen können, hat sich aber für die Landwirtschaft entschieden. Wie alle Vollerwerbslandwirte im Dialog ist auch Johannes selbständig, was bedeutet, er arbeitet selbst und ständig. Eine 70 Stunden Woche im Sommer ist normal. Ich arbeite in sogenannter Vollzeit bei einer großen Firma, Vollzeit heißt dort 35 Wochenstunden. Für die Bauern habe ich also quasi einen Halbtagsjob. Trotzdem möchte auch Johannes nicht tauschen. Das ist dann wohl der Unterschied zwischen meinem Job und seinem Beruf, wenn Beruf von Berufung kommt.
Johannes würde gerne auf „Bio“ umstellen. Soweit ich das in unserem Gespräch beurteilen kann, ist er tief in seinem Herzen längst ein überzeugter Bio-Bauer. Für ihn wäre es also schön, wenn sich „die Verbraucher“ beim Einkauf auch an das Volksbegehren mit 30% Bioanteil halten würden. Bei entsprechender Nachfrage und Vergütung könnte er die finanzielle Belastung in der zweijährigen Umstellungsphase besser kalkulieren.
Entfremdung zwischen Lebensmittelproduzenten und -konsumenten Johannes erzählt mir, dass früher in Kleingeschaidt (rund 250 Einwohner) 11 Bauern lebten, heute ist er der einzige. Früher hatte also praktisch jeder Einwohner einen Bauern ganz in seiner Nähe und hat dadurch Landwirtschaft quasi hautnah miterlebt, auch wenn er/sie kein Landwirt war. Heute wissen viele nicht mehr, was Landwirtschaft konkret bedeutet. Diese Entfremdung zu einem Beruf, der einen großen Anteil an unserer Ernährung hat, führt oft zu Missverständnissen. Erzeugte ein Landwirt im Jahr 1900 so viele Lebensmittel, dass er etwa vier Personen ernähren konnte, so kann ein Landwirt heute etwa 155 Personen ernähren. Kein Wunder also, wenn viele von uns Verbrauchern nichts oder nur noch wenig von der Landwirtschaft live mitbekommen. Da führen dann oft Medienberichte zu pauschalen Anschuldigungen, wo es eine differenzierte Betrachtung bräuchte. Bauernhöfe und Landwirtschaft ist eben nicht einheitlich in Deutschland, sondern regional sehr unterschiedlich.
Auch wenn es hier bestimmt wie eine bestellte „ultimative Lobhudelei“ klingt, ich habe einen Menschen kennen gelernt, der seinen Platz im Leben gefunden hat, der in sich ruht und dadurch eine so angenehme und sympathische Gesprächsstimmung erzeugt, dass ich erst sehr spät bemerke, dass es bereits dunkel geworden ist. Erst gegen 22 Uhr beenden wir unser interessantes Gespräch.
„Bist du glücklich mit deinem Leben?“ frage ich Johannes. „Ja ich bin sehr glücklich und zufrieden“. Meine Frage „Wenn die berühmte Märchenfee mit drei Wünschen vor dir stehen würde, was würdest du dir wünschen?“, beantwortet er so:  „Puh, weiß ich nicht so recht. Vielleicht, dass alle hier gesund bleiben und ich den Hof so weiterführen kann, wie ich mir das vorstelle“. So viel Bescheidenheit lässt mich sprachlos zurück.Sabine Büssert Anregungen und Fragen aus der Leserschaft sind immer willkommen, werden gesammelt und weitergegeben und (falls gewünscht öffentlich) beantwortet. Wer eine Frage an unsere Bauern hat, schreibt bitte mit dem Stichwort „Dialog mit der Landwirtschaft“ eine Mail an:  Diese E-Mail Adresse ist gegen Spam Bots geschützt, Sie müssen Javascript aktivieren, damit Sie es sehen können
Letzte Aktualisierung ( Donnerstag, 29. August 2019 )
 
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