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Vor 75 Jahren kamen die Bomber Drucken E-Mail

Bombenangriff Das wochenblatt-Land wurde direkt vom Krieg getroffen
In der jüngeren Geschichte der Stadt Nürnberg steht der 2. Januar 1945 für die verheerende Zerstörung durch die Bomben der Alliierten – kurz bevor der Krieg am 8. Mai für Deutschland zu Ende und das „tausendjährige“ Nazi-Reich in Schutt, Asche und einem Meer aus Blut und Tränen versunken war.

Im Bild: Pettensiedel nach der Bombennacht: Das Anwesen Kohlmann (siehe auch Titelseite) überstand den Einschlag mit starken Schäden. Hinter diesem Gebäude (in westlicher Richtung) wurden Wohn­häuser und Scheunen völlig vernichtet. 

 

Doch schon ein Jahr knappes Jahr vorher, in der Nacht vom 30. auf den 31. März 1944, geriet beim Luftkrieg gegen die Zivilbevölkerung das wochenblatt-Land unter Beschuss. Am kommenden Wochenende jährt sich der Angriff zum 75. Mal. Fritz Ziegler erlebte die Nacht als Elfjähriger in Kleingeschaidt – sie lässt ihn bis heute nicht los. Das wochenblatt berichtete bereits vor zehn Jahren von seinen Recherchen und den Eindrücken von Augenzeugen.
Fritz Bauer aus Pettensiedel war damals acht Jahre alt. Als die Bomben fielen, brachte man sich in einem Erdbunker in Sicherheit und kam unverletzt und mit geringen Schäden am Haus davon. Als der Angriff jedoch vorbei war, lief der „Ro’mbauer“ vom heutigen Weberhof durch den Ort und rief: „Wo seid ihr denn, ‘s halbe Dorf is hie“. Am Ende hatten die Familien Ziegler, Merkel und Allmendinger insgesamt sechs Tote zu beklagen, vier Wohnhäuser sowie einige Scheunen und Ställe lagen in Schutt und Asche.
Die im Krieg 22-jährige Anni Fischer hat vor elf Jahren dem wochenblatt berichtet, dass vor der Bombardierung Leuchtmarkierungen der Angreifer beim benachbarten „Schmie‘ ” das isolierende Stroh um die Wasserleitung entzündeten. Die sechs Toten wurden zunächst im damaligen Feuerwehrhaus gegenüber ihres Anwesens aufgebahrt. Nach der Bombennacht detonierte auf der Anhöhe zwischen Affalterbach, Pettensiedel und Frohnhof noch ein Blindgänger und hinterließ einen großen Krater. Ein weiterer Blindgänger wurde neben der aus Richtung Eckental kommenden Kreisstraße im Feld vermutet.

„Es ist die Hölle, der Weltuntergang“
Fritz Ziegler aus Kleingeschaidt hat die Ereignisse mit Hilfe von Archiven, Augenzeugenberichten und Aufzeichnungen aus privatem Interesse umfassend recherchiert und dokumentiert – er schildert, wie er sie selbst erlebt hat:
Als einzige Vorwarnung kam in den Radio-Nachrichten um Mitternacht ein  Hinweis, dass englische Bomberverbände im Anflug auf das Deutsche Reich sind. Als die Sirenen heulten, dachte man zunächst, das betreffe andere. Doch dann war aus Richtung Forchheim ein donnerndes Dröhnen am Himmel zu vernehmen, das zu einem unerträglichen Getöse anschwoll.
Der junge Fritz saß als einer der ersten im Hauskeller in der hintersten Ecke, bei Kerzenlicht zusammengekauert und zitternd vor Angst. Der Gewölbekeller füllte sich schnell mit Familienangehörigen und Zwangsarbeitern, der Hofhund mittendrin. Beten war Ausdruck der Todesangst – diese kann man schlecht nacherzählen, so Fritz Ziegler, aber man konnte sie damals riechen.  Plötzlich ein riesiger Schlag, der Keller zitterte, Sand rieselte vom Sandsteingewölbe herunter – dann ein Moment Stille – nochmal gut gegangen, vermutlich eine Luftmine, die am Waldrand südlich des heutigen Wasserturms  einen flachen Trichter hinterließ. Ein zweiter Schlag kam wahrscheinlich vom Aufschlag des abgestürzten Bombers an der Waldspitze Richtung Tauchersreuth, denn ein metallisches Klirren  war  herauszuhören.
Nach einem dritten Schlag sagte Zieglers Vater „Da muss ich ’naus,  dort drüben brennt’s“, kam aber schnell zurück: „Man kann nicht hinaus, es ist die Hölle – der Weltuntergang.“ Als die Donnerschläge nachließen, waren noch bis 3 Uhr der Überflug des restlichen Bomberstroms  und der intensive Luftkampf zu hören.
Als man den Keller verließ, war der Lichtschein einer brennenden  Scheune kurz vor dem Zusammenbruch zu sehen. Der französische Kriegsgefangene Felix bestätigte, der Brand sei bei „Essläär“ – also Familie Hessler. Die Hesslers Anna – später Frau Friedrich – erzählte später häufig, wie sie als eine von wenigen wegen des Viehs ihren Schutzräum verlassen musste, noch während Bomben fielen.
Als der Tag graute, lief der elfjährige Fritz zu dem brennenden und schießenden Trümmerhaufen zwischen weit verteilten Flugzeugteilen an der Waldspitze. Heute weiß Ziegler, dass der Bomber zwischen Heroldsberg und Großgeschaidt von einem Oberleutnant Schulte im Jagdflugzeug M109 zum Absturz gebracht wurde und kurz nach der Einmündung  Beerbach brennend aufschlug. Noch heute kann man auf Luftaufnahmen Bodenveränderungen erkennen.
Den Einheimischen und Gendarmen, Militärs, SA-Leuten sowie Kriegsgefangenen bot sich der grausame Anblick die sieben toten Besatzungsmitglieder. Der erst 23-jährige Pilot John Roy Taylor saß bis zur Unkenntlichkeit verbrannt noch in seinem Sitz hinterm Steuer, der Heckschütze lag verkrümmt außerhalb der Feuersglut am Heck. Die Leichen wurden in einem Gemeinschaftsgrab in Heroldsberg beigesetzt und später nach Dürnbach am Tegernsee umgebettet. Zunächst war das Wrack ein „einziger Selbstbedienungsladen“, bis es die deutsche Luftwaffe n ach Wochen transportierte und auf Eisenbahnwaggons am Bahnhof Eschenau verlud. Dabei wurden Häftlinge eingesetzt, die Bomben und Munition mit bloßen Händen aufräumten.


Katastrophaler Fehlschlag für die Angreifer
Dann kam die Schreckensmeldung: Ber der Verwandschaft in Pettensiedel ist alles kaputt und „den Schorsch finden’s nicht“. Am Haus von Familie Ziegler (Hausname Ries, heute Antipasti e Più), war der Giebel verschwunden, die Böden hingen bis auf die Straße herunter. Auf den Anblick der Leichen verzichtete Fritz Ziegler, nachdem er am Vormittag schon die verbrannten Leichen am Bomber gesehen hatte. Ein vermisstes Mädchen namens Fini wurde noch gesucht und konnte gerettet werden. Obwohl fotografieren verboten war, hat Hans Meyer (Hausname Schreiner) die ganze Szenerie im Bild festgehalten. Zur von den NS-Behörden groß angelegten Trauerfeier mit vielen Hakenkreuzen vor der Obsthalle in Igensdorf musste Fritz Ziegler den Anhänger vom Schlosshof Kleingeschaidt nach Pettensiedel mit dem Dieselross zu überführen, von dort nach Igensdorf wurde traditionell auf Pferdegespann umgerüstet.
Die Größenordnung und der Umfang dieses gescheiterten Versuchs, mit einem Großverband von 1000 Bombern Nürnberg auszulöschen, wurde nie besonders öffentlich herausgestellt. Den Grund dafür vermutet Fritz Ziegler in dem Umstand, dass „Nuremberg Raid“ für die Angreifer mit 95 abgeschossenen, 12 anderweitig zerstörten und 58 unbrauchbaren Fluzeugen sowie 545 Gefallenen und Vermissten ein katastrophal verlustreiches Unternehmen war.

BombenangriffDie Bilanz der Schreckensnacht im wochenblatt-Land fällt im Vergleich zu den Bombardierungen der Großstädte zwar überschaubar aus, aber die Menschen in den Dörfern waren schwer getroffen: 21 betroffene Orte wie Pettensiedel (6 Tote, 4 Wohnhäuser), Brand (1 Wohnhaus, 9 Scheunen), Affalterbach, Bullach, Ebach, Kleingeschaidt, Gräfenberg (mit Bränden), sowie im weiteren Bereich Lauf, Schönberg, Röthenbach, Schönberg, Behringersdorf und Nuschelberg.

Im Bild: Die Fotos in Pettensiedel machte damals (verbotenerweise) Hans Meyer. Seine Familie stellte die Bilder zur Verfügung – vielen Dank dafür.

Letzte Aktualisierung ( Mittwoch, 17. April 2019 )
 
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