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Im Dialog mit der Landwirtschaft Drucken E-Mail

Landwirte Landwirte im wochenblatt-Land wollen Irrtümer ausräumen und informieren

Die Initiatoren des Volksbegehrens mit der Kurzbezeichnung „Rettet die Bienen“ sind stolz auf ein Rekordergebnis mit Einträgen von bayernweit 18,4 % der Stimmberechtigten – im wochenblatt-Land bis zu 33,0 %. In allen Medien wird seither ausführlich über Belange der Landwirtschaft berichtet, auf die sich der Gesetzentwurf des Volksbegehrens fast ausschließlich bezieht. Diese Berichterstattung empfanden viele Landwirte als geprägt von einem deutlichen Mangel an Sachkenntnis, der beispielhaft ist für eine Entfremdung zwischen den Erzeugern und den Konsumenten von Lebensmitteln.

Im Bild: Geballte Fachkompetenz: Für Martin Friedrich, Matthias Tauber, Max Merkl, Lisa Will, Malina und Franzi Merkl, Julian Engelhard, Bernd Trummer, Claudio Keiner (Genusshof Pingold) und Johannes Rohlederer (von links) ist Landwirtschaft nicht nur Leidenschaft, sondern auch Lebensunterhalt.

Da werden zu Berichten über Glyphosat (das heimische Landwirte fast nicht einsetzen) einfach Güllewagen abgebildet, die mit Spritzmitteln nicht das Geringste zu tun haben. Da werden gesetzlich zugelassene, streng reglementierte Pflanzenschutzpräparate pauschal als „Ackergifte“ verunglimpft. Wenn dann die Kinder von Landwirten, die so nahe an der Natur arbeiten wie kein anderer Berufsstand, in der Schule gefragt werden, warum ihre Eltern die Umwelt vergiften – dann will man das nicht länger unwidersprochen hinnehmen. Aus diesem Grund haben sich hiesige Landwirte zusammengesetzt, um sich über die aktuelle Situation auszutauschen – und dazu auch die wochenblatt-Redaktion eingeladen.
Sieben Vollerwerbs-Landwirte, teils mit Partnerin, sind beim ersten gemeinsamen Gespräch dabei: Martin Friedrich (Milchvieh und Obst in Mitteldorf), Matthias Tauber (Milchvieh in Kemmathen), Max Merkl (Energieerzeugung und Rinderhaltung in Mitteldorf), Julian Engelhard (Bio-Milchviehhaltung am Haselhof, Pettensiedel), Bernd Trummer (Energieerzeugung und Milchvieh in Pommer), Claudio Keiner (Genusshof Pingold mit Hopfen, Obst, Brennerei und Gastronomie in Lilling) und Johannes Rohlederer (Milchvieh in Kleingeschaidt). Mit zum Diskurs beitragen wollen Thomas Härtel (Obst in Oberlindelbach) und Gerhard Wölfel (Spargel, Erdbeeren am Sattelbachhof in Eschenau).

Wertschätzung für Lebensmittel und Landschaftspflege
Wie kaum ein anderer Berufsstand arbeiten die Landwirte unter ständiger Beobachtung, meint Matthias Tauber aus Kemmathen: „So wie Jogi Löw in Deutschland 82 Millionen Co-Trainer hat, so haben die zwei Prozent Landwirte unter der Bevölkerung 80 Millionen Berater, die glauben, ihre Arbeit beurteilen zu können“. Besonders stört ihn dabei die geringe Wertschätzung dieser Arbeit, die in vielen Kommentaren Ausdruck findet und sich vor allem finanziell beziffern lässt.
Deutschland habe die niedrigsten Lebensmittelpreise in ganz Europa. Seit Jahrzehnten seien Lebensmittel die Inflationsbremse, indem sinkende Erlöse für die Landwirte andere Preissteigerungen ausgleichen. Vom Brotpreis im Laden bleiben beim Bauern vier Prozent, vom Preis für Kartoffeln zwischen 4 bis 15 Cent pro Kilo, Fleisch ist zum Teil billiger als Brot, ein Liter Milch kostet oft weniger als ein Liter Mineralwasser und für Kirschen und anderes Obst erlöst man ein Trinkgeld im Vergleich zum Aufwand. Die deutschen Verbraucher, so heißt es immer wieder, kaufen die teuersten Küchen und kochen darin die billigsten Lebensmittel, auf das nobelste Grillgerät kommt das billigste Fleisch.
Die Anforderungen steigen, die Preise sinken: Gab vor hundert Jahren ein durchschnittlicher Haushalt noch 50 Prozent seines Einkommens für Nahrungsmittel aus, so seien es heute nur noch 10 Prozent: „Die Gesellschaft steckt ihr Geld lieber in andere Sachen“.

„Nutzung von Landschaft ist immer ein Kompromiss“
Dass man in der Vergangenheit Fehler gemacht hat, gestehen die Praktiker zu. Damaligen wissenschaftlichen Empfehlungen folgend, hat man Methoden und Mittel eingesetzt, die inzwischen als überholt gelten. „Ja, wir müssen was ändern“, betont Martin Friedrich, aber der Wandel findet schon statt. Seit Jahren werden Pflanzenschutzzulassungen und Dosierungen minimiert, Blühstreifen und Gewässerrandstreifen immer mehr ausgeweitet und Hecken oder Raine prägen ohnehin die Landschaft von der Fränkischen Schweiz bis Nürnberg und immer wieder werden Teilflächen absichtlich stillgelegt. So lässt etwa der Genusshof Pingold ohnehin ganz bewusst von 30 Hektar Ackerfläche 10 Prozent als Blühfläche stehen.
„Warum kommen die ganzen Urlauber nach Bayern und auch hier zu uns?“, fragt Max Merkl und liefert auch gleich die Antwort: Wegen der Natur und der seit Jahrhunderten von Landwirten gepflegten, kleinteiligen Kulturlandschaft.

Kleinteilige, bäuerliche Landwirtschaft in der Region
Diese wirkt sich allerdings wirtschaftlich nachteilig aus im Vergleich zu anderen Landstrichen, ergänzt Julian Engelhard: Im Prinzip deckt der Erlös heute lediglich den Produktionsaufwand, der Lebensunterhalt und auch die Investitionen sind nur durch die Subventionen möglich. Auf die würde man gerne verzichten, wenn man statt dessen angemessene Preise für die hochwertigen Nahrungsmittel erzielen könnte. Die Höhe der Subventionen werde sowieso oft überschätzt, meint Bernd Trummer: Im Schnitt sind es sieben bis acht Euro pro Monat und Einwohner in Deutschland, EU-weit mit 9,33  Euro etwas mehr.

Nachhaltigkeit hat drei Seiten
Nachhaltigkeit hat drei Aspekte, betont Max Merkl: Neben dem ökologischen auch einen ökonomischen und einen sozialen. Man könnte ja auch das Schwabachtal wieder komplatt renaturieren, samt Bebauung und Straßen, so dass die Region wie bis zur Besiedelung wieder flächendeckend mit Urwald bewachsen wäre. Würden die Landwirte das Land nicht bearbeiten und alles der Natur überlassen, sähe es in vielen Bereichen wohl bald wieder so aus wie vor knapp 1000 Jahren, beginnend mit einer Verbuschung der Landschaft innerhalb weniger Jahre.
Auch wenn sie den „Schwarzen Peter“ nicht einfach weitergeben wollen, weisen die Landwirte darauf hin, dass ein Rückgang der Artenvielfalt nicht nur den Bauern angelastet werden kann. Der „Flächenfraß“ durch Städtebau, Infrastruktur und Industrie trägt ebenso dazu bei.
Gerade die Bauern aber haben das allergrößte Interesse an Artenschutz, denn sie können nur einen Zugewinn haben, wenn sie „Tiere und Pflanzen pfleglich behandeln, sie ernähren und mit wissendem und wachem Auge vor Krankheiten schützen.“ Dabei passen sie sich seit jeher immer wieder an die laufenden Änderungen der gesetzlichen Vorgaben an.

Fachwissen oft an falscher Stelle vermutet
Angesichts der offensichtlichen Fachkompetenz am Tisch mit Landwirtschaftsmeistern, Agrar-Ingenieuren mit Hochschulstudium und Inhabern diverser zusätzlicher Sachkundenachweise fragt sich die Gesprächsrunde, was die Unterzeichner und Initiatoren des Volksbegehrens wirklich über Landwirtschaft wissen.
Die aktuell vom Volksbegehren geforderte Fruchtfolge ist für die Landwirte hier ein alter Hut: „Das lernt jeder schon im Berufsgrundschuljahr, das machen wir sowieso“, und organischer Dünger mit Zwischenfruchtanbau ist seit dem Mittelalter bewährt. Aber welcher Laie weiß schon, dass es in ganz Nordbayern keinen Landkreis mit Gülle-Überschuss gibt? Oder dass vor 10 Jahren die Landwirtschaftsämter dafür geworben haben, drei bis vier Mal im Jahr zu mähen, um mit dem so aus eigenem Grünland gewonnenen, nährstoffreichen Futter die Soja-Importe aus Übersee erheblich zu reduzieren?
Wer weiß schon, dass man mit Pflanzenschutzpräparaten nicht bloß „Unkraut wegspritzt“, sondern etwa Pilzkrankheiten eindämmt, die ansonsten Getreideprodukte ungenießbar machen könnten, oder die Reife von Getreide so beeinflusst, dass eine gleichbleibende Qualität in Bäckereien überhaupt erst möglich wird?

Was bewirkt ein reformiertes Naturschutzgesetz?
Die Bauern im wochenblatt-Land fragen sich: „Weiß da wirklich jeder, was er unterschrieben hat?“ Die Sachverhalte sind sehr kompliziert, aber viele Politiker, Journalisten und auch Bürger machen es sich einfach, befürchtet man. Und dass ein geändertes Naturschutzgesetz die Last für eine gesamtgesellschaftliche Entwicklung, die alle zu verantworten haben, alleine den Landwirten aufbürdet.
Denn die Faktoren, die vor allem die Möglichkeiten in der Landwirtschaft einschränken, bestimmen nicht die Bauern selbst und auch keine bayerischen Naturschutzziele, sondern die Märkte.

Die Nachfrage bestimmt die Produktionsweise
„Wir konkurrieren mit dem Weltmarkt, aber nicht zu gleichen Regeln, stellt Franzi Merkl fest, die in einem Biobauernhof aufgewachsen ist. Nordbayerische Bauern können es sich nicht aussuchen, wo ihre Produkte landen. Für regionale Vermarktung ist die Nachfrage begrenzt, man muss die Märkte bedienen, die Erlöse versprechen.
Für mehr Bio-Milch jedenfalls gebe es derzeit keinen Markt, betont Matthias Tauber. Verbraucher freuen sich in Umfragen über billigere Bioprodukte im Discounter – das sieht dann so aus, wie es Bernd Trummer in Mecklenburg-Vorpommern live erlebt hat: Industrielle Großbetriebe mit 2500 Tieren, die Biomilch zum Kampfpreis liefern. In solche Strukturen investieren Kapitalgeber auf der Flucht vor Niedrigzinsen. So gibt es in Norddeutschland oft in einem einzigen Betrieb so viele Schweine, wie im gesamten Landkreis Forchheim. Wenn man bayerischen Landwirten vorgibt, was und wie sie produzieren sollen, dann wird der Markt halt von Konzernen und vom Ausland versorgt und die hiesigen Familienbetriebe bleiben auf der Strecke, so die Befürchtung. Dafür gibt es dann womöglich belastete Bio-Lebensmittel aus China, Indien oder der Türkei – ganz aktuell wurden in Erdbeeren (im Februar!) mehr als 25 verbotene Wirkstoffe entdeckt.

Bio und konventionell nicht gegeneinander ausspielen

„Wenn die Bevölkerung bereit ist, die für hochwertige regionale Bioprodukte zu bezahlen: Wir sind dazu bereit, die Bauern sind flexibel“ betont Max Merkl. „Aber die Unterschiede sind gar nicht mehr so groß, wie das immer dargestellt wird.“ „Lebensmittelproduktion braucht Pflanzenschutz“ sagt Lisa Will, und „es ist naiv zu glauben, Bioproduktion benötigt überhaupt keinen Pflanzenschut.“ Vor allem bei ungünstigen Wetterbedingungen wolle auch ein Biobetrieb mit den dafür zugelassenen Mitteln seine Ernte schützen. Ansonsten könne zum Beispiel Getreide unbrauchbar werden zum Verfüttern, zum Backen oder Bierbrauen. Großmaschinen für Hunderttausende von Euro zur mechanischen Unkrautbekämpfung, wie sie Bio-Großbetriebe in Nordostdeutschland einsetzen, könne man sich hier nicht leisten. Aber auch die Präparate sind teuer, deswegen macht man wie bei der Düngeplanung eine sorgfältige Bedarfsberechnung und setzt so wenig wie möglich ein.

Umweltschutz kann nur Hand in Hand funktionieren
Ja, man bemerkt einen Rückgang an Insekten, unter anderem am Rückgang der Vögel, bestätigt Julian Engelhard. Er weist aber auch darauf hin, dass sich nicht nur die Felder verändert haben. Heute ist alles „sauberer“ mit viel weniger Pfützen, Löchern oder auch Misthaufen, und wenn man Gülle mit moderner Technik direkt in den Boden ausbringt, sind da viel weniger Insekten.
Den allergrößten Einfluss haben Verbraucher auf Arten- und Umweltschutz, ist man sich am Tisch einig. Dort wird täglich abgestimmt, nicht nur während einer Eintragungsfrist.
Gerhard Wölfel aus Eschenau hat sich telefonisch in der Redaktion gemeldet: Ihm ist wichtig, dass wir hier  „fast im Paradies“ leben mit kleinen Flächen und blühenden Sonderkulturen. Ihn stört aber, dass die Randstreifen und Wiesen, die er vielleicht drei Mal im Jahr aufsucht, fast rund um die Uhr von zig Spaziergängern mit Hunden durchpflügt werden, die jegliches Wildleben vertreiben.
Was die Landwirte vermissen, ist, dass man miteinander statt übereinander spricht, mit Respekt, Sachlichkeit und auf Augenhöhe.

Was wollt Ihr? Welche Zukunft hat die Landwirtschaft?
Bauer ist der wichtigste Beruf der Welt, betont Franzi Merkl, und auch ein schöner Beruf, obwohl alle am Tisch in ihren Betrieben 24 Stunden täglich an sieben Tage der Woche präsent sind. Wenn man aber sehe, wie viele Nichtlandwirte mit wesentlich weniger Arbeitstunden das Doppelte verdienen, dürfe man sich nicht wundern, wenn die Kinder der heutigen Landwirte diese Arbeit nicht mehr weiterführen wollen.
Man müsse die Frage stellen: „Was wollt Ihr?“ Wollen bayerische Verbraucher weiterhin einen hohen Grad an Eigenversorgung und Lebensmittelproduktion vor Ort mit höchsten Qualitätsansprüchen, oder wollen sie eine Kulisse für die die Freizeitgestaltung mit Lebensmittelversorgung aus dem Ausland?

„Dialog mit der Landwirtschaft“ als regelmäßiges Forum
Künftig wollen die regionalen Bauern in kurzen Beiträgen sachliche, aktuelle Information über ihre Arbeit anbieten. Die wochenblatt-Redaktion veröffentlicht diese in einer unregelmäßigen Rubrik „Dialog mit der Landwirtschaft“.

Anregungen aus der Leserschaft sind willkommen, werden weitergegeben und wie Leserbriefe beantwortet. Wer eine Frage an unsere Bauern hat, schreibt bitte mit dem Stichwort „Dialog mit der Landwirtschaft“ eine Mail an:  Diese E-Mail Adresse ist gegen Spam Bots geschützt, Sie müssen Javascript aktivieren, damit Sie es sehen können
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